Die Hoffnungen
aller Wesen erfüllen

Erklärungen zum Meditationstext
über Avalokitesvara

von
Geshe Thubten Ngawang


Zu allen Zeiten nehme ich Zuflucht zum Buddha, zur Lehre und zur Geistigen Gemeinschaft. Um mein eigenes Ziel und das Wohl aller Lebewesen zu verwirklichen, erzeuge ich das altruistische Streben nach Erleuchtung.

Buddha ist derjenige, der die Zuflucht zeigt, er ist der Lehrer. Dharma ist die eigentliche Zuflucht; denn er ist das eigentliche Mittel, mit dem man sich aus Leiden befreit. Die Geistige Gemeinschaft, der Sangha, sind die Freunde im Dharma, durch deren Hilfe man sich die Zuflucht des Dharma zunutze machen kann.

Alle Buddhas und Bodhisattvas, die in den zehn Richtungen wohnen, rufe ich an, mich zu erhören: Um den Zustand der Vollkommenheit zu erlangen, entwickele ich von nun an den Erleuchtungsgeist.

In diesem Vers nimmt man eine Art Gelübde. Man ruft die Buddhas und Bodhisattvas an, die das Ziel des Pfades vollendet haben, und vor diesen bringt man den Erleuchtungsgeist hervor: den wünschenden oder den wirkenden Erleuchtungsgeist. Der wünschende Erleuchtungsgeist besteht in dem Gedanken: Ich strebe an, von nun an den Pfad zur Erleuchtung zu gehen. Beim wirkenden Erleuchtungsgeist übt man tatsächlich die Handlungen eines Bodhisattva.

Im Raum vor mir, auf einem weißem Lotus und einer Mondscheibe, sitzt Avalokitesvara, dessen Natur das Mitleid aller Buddhas der drei Zeiten ist.

Nun visualisiert man die Gottheit Avalokitesvara - auf Tibetisch "Tschenresig" - im Raum vor sich. Auf einer gröberen Ebene kann man darunter einfach den Ort verstehen, wo die Gottheit visualisiert wird - vor sich in Höhe des eigenen Scheitels. Doch aus der Perspektive des Tantra vergegenwärtigt man sich zuerst, bevor man die Gottheit visualisiert, die Leerheit, das ist die bloße Abwesenheit von inhärenter Existenz. Man stellt sich nicht einfach den Himmel oder leeren Raum vor, sondern verbindet damit die Vorstellung von der endgültigen Realität der Phänomene. Aus dieser Leerheit wird dann die Gottheit hervorgebracht.

Zunächst erscheint ein weißer Lotos, der ein Symbol für die Entsagung, den Wunsch nach Befreiung vom Leiden ist. Alle Symbole einer Gottheit stehen für bestimmte Übungen oder Tugenden auf dem Pfad, die die Gottheit vollendet hat. Der blühende Lotos ist eine sehr schöne, attraktiv aussehende Blume. Ist sie jedoch verwelkt, verliert sie ihre Pracht und wird unansehnlich wie alle vergänglichen Dinge.

Insofern ist der Lotos ein gutes Symbol für die Annehmlichkeiten des Daseinskreislaufes - seien es Besitz, Freunde oder der eigene Körper. Nach diesen Dingen empfindet man großes Verlangen, obwohl sie letztlich, in ihrer eigentlichen Natur, gar nicht die attraktiven Eigenschaften besitzen, die man ihnen zuschreibt. Der Lotos steht hier sowohl für die Entsagung als auch für den Erleuchtungsgeist. Die Mondscheibe symbolisiert die Rechte Ansicht der endgültigen Realität, also die Erkenntnis der Leerheit. Das Mondlicht besitzt eine kühlende, erfrischende Wirkung; genauso hat die Rechte Ansicht der endgültigen Realität einen kühlenden Effekt auf den von Fehlern und Leidenschaften erhitzten Geist. Die Fehler des Geistes werden schwächer, wenn sie mit der Erkenntnis der endgültigen Realität konfrontiert werden.

Daß die Gottheit auf diesen Symbolen von Lotos und Mond sitzt, zeigt an, daß sie die Eigenschaften vervollkommnet hat, die durch diese Symbole repräsentiert werden.

Mit einem leuchtend weißen Körper, der seine Reinheit darstellt, frei von Befleckungen durch die zwei Hindernisse, mit einem Gesicht und vier Armen. Die beiden vor der Brust zusammengelegten Hände sind das Symbol der Vereinigung von Methode und Weisheit. Sie halten das kostbare Juwel, das die Hoffnungen aller Lebewesen erfüllt. In der zweiten rechten Hand hält er einen weißen kristallenen Rosenkranz, um alle Lebewesen durch die weise Methode der tiefen Mantrarezitation aus dem unermeßlichen Ozean des Leidens zu erretten.

Die zwei Hindernisse sind die Hindernisse durch Leidenschaften einerseits und die Hindernisse für die Allwissenheit andererseits. Beide Arten hat Avalokitesvara überwunden, symbolisiert durch seine leuchtend weiße Körperfarbe. Der Buddha des Mitgefühls hat eine sehr friedvolle Ausstrahlung, zwei seiner Hände sind vor dem Herzen zusammengelegt –- als Symbol für die Einheit von Weisheit und Methode. In den Händen hält Avalokitesvara ein wunscherfüllendes Juwel. Damit zeigt er an, daß er in der Lage ist, die Wünsche der Lebewesen zu erfüllen. Der Buddha des Mitgefühls ist ständig bemüht, für das Wohl der Lebewesen zu wirken, und dies wird auch symbolisiert durch den Rosenkranz und die Mantra-Rezitation.

Die zweite linke Hand hält einen weißen Lotus, das Symbol der Entsagung. Damit ermahnt er alle Lebewesen, in den Pfad zur Befreiung einzutreten, damit sie nicht im Sumpf des Leidens versinken.

Avalokitesvara weist uns darauf hin, daß wir nicht so stark an den Dingen des Daseinskreislaufs hängen sollen, weil sie viele Nachteile in sich bergen. Deshalb ist es besser, keine Anhaftung daran zu haben. Der erste Lotos, auf dem er sitzt, symbolisiert, daß Avalokitesvara die Entsagung selbst hervorgebracht hat. Der Lotos in der Hand ist eine Aufforderung an die Lebewesen, auch Entsagung zu entwickeln.

Sein Körper strahlt von der Pracht der Merkmale und vorbildhaften Zeichen des Körpers eines vollkommen Erleuchteten; er ist in seidene Gewänder gekleidet und mit kostbarem Geschmeide geschmückt.

Avalokitesvara trägt kostbare Kleider und Geschmeide, zum Beispiel Arm-und Fußreifen, eine Halskette und ein Diadem. Sie symbolisieren erleuchtete Tugenden wie die Sechs Vollkommenheiten, die er zur Vollendung gebracht hat.

So weilt Avalokitesvara in der vollkommenen Diamant-Haltung inmitten einer Aura strahlend weißen Lichts.

Die Erscheinung Avalokitesvaras ist sehr eindrucksvoll. Wesen mit reinem Karma nehmen eine Aura von Licht wahr, die ihn umgibt. Auch auf Tangkas (tibetischen Rollbildern) sieht man, daß von dem Buddhakörper Licht ausgeht. Die Diamanthaltung bezeichnet die siebenfache Meditationshaltung des Buddha Vairocana. Es ist die ideale Position, um zu meditieren.

Respektvoll verneige ich mich vor dir mit Körper, Sprache und Geist.

Mit dieser Zeile beginnt das Gebet der Sieben Zweige (die Siebenteilige Verehrung), das wir bereits aus anderen Meditationstexten kennen. Der erste Zweig ist der der Verneigung oder Huldigung, die man mit den drei Toren von Körper, Sprache und Geist darbringt. Während man sich mit dem Körper verneigt, sollte man im Geist eine Haltung starken Vertrauens hervorbringen und sich die Tugenden des Buddha bewußtmachen. Die Huldigung mit der Sprache könnte durch die Rezitation von Mantras erfolgen, mit denen man den Buddha lobpreist.

Tatsächlich aufgestellte und geistgeschaffene Gaben bringe ich dir dar.

Der nächste Zweig ist die Darbringung. Materielle Gaben sind solche, die man wirklich darbringt und auf dem Altar aufstellt. Darüber hinaus kann man geistige Opfergaben darbringen; so stellt man sich alle möglichen schönen Dinge vor, die man den Buddhas opfert. Weiter kann man sich die eigenen religiösen Verdienste in Form von materiellen Gaben vorstellen.

Die schlechten Taten und Übertretungen, die ich seit anfangslosen Zeiten angehäuft habe, bereinige ich.

Nun folgt der Zweig der Reinigung. Seit anfangsloser Zeit haben wir die verschiedensten unheilsamen Handlungen mit Körper, Rede und Geist begangen. Man kann an dieser Stelle einerseits das Unheilsame bereuen, an das man sich erinnert, und anderseits dasjenige, das man nicht mehr weiß. Dabei führt man sich vor Augen, daß man nicht nur in diesem Leben, sondern auch in den vergangenen Leben alle möglichen unheilsamen Handlungen angesammelt hat; zumindest werden noch Anlagen dieser Taten im eigenen Geist vorhanden sein. Wichtig ist, daß man zuerst das Unheilsame als unheilsam erkennt - dies ist die Grundlage für das Entstehen von Reue. Dann stützt man sich auf die Drei Juwelen und nimmt sich vor, solche negativen Handlungen nicht wieder zu begehen, sondern Gegenmittel anzuwenden.

Hier sind schlechte Taten und Übertretungen getrennt genannt. "Schlechte Taten" sind unheilsame Handlungen, die bei jedem, der sie begeht, negative Anlagen im Bewußtsein, also schlechtes Karma hinterlassen, das später Leiden nach sich ziehen wird. Handlungen solcher Art sind unter anderem Töten, Stehlen, sexuelles Fehlverhalten, Lügen, Zwietracht-Säen, verletzende Rede und sinnloses Gerede. "Übertretungen" können dagegen nur Menschen durchführen, die ein Gelübde auf sich genommen haben. Wenn man ein Gelübde und damit vom Buddha gegebene Verhaltensregeln akzeptiert hat, dann aber dagegen verstößt, ist das eine unheilsame Handlung, selbst wenn sie für andere Personen kein negatives Karma bedeutet.

Wenn größere Tiere kleinere Tiere fressen, ist das eine schlechte Tat, aber nicht zusätzlich eine Übertretung, da die Tiere kein Gelübde haben, nicht zu töten. Manche sind der Auffassung, daß die Tiere gar keine unheilsamen Handlungen begehen könnten, da sie nicht wissen, was sie tun. Damit schlechtes Karma angesammelt wird, ist es jedoch nicht notwendig, genau zu wissen, was man tut. Das Entscheidende für die Ansammlung von negativem Karma ist, daß eine Handlung durchgeführt wird, die anderen schadet. Dadurch bildet sich eine Anlage im Bewußtsein, und diese Anlage wird sich später auswirken. Auch Tiere sammeln durch das Töten Karma an.

Ich erfreue mich an den heilsamen Taten der gewöhnlichen Wesen und der Heiligen.

Dies ist der Zweig des Erfreuens. Das Erfreuen ist eine sehr einfache, aber sehr wirksame Art, in kurzer Zeit heilsame Anlagen im eigenen Geist zu schaffen. Das Erfreuen ist eine Methode, um das Heilsame, was man selbst vollführt, noch weiter anzureichern. Es ist leicht zu praktizieren und von großer Bedeutung. Die Kadampa- Meister haben gesagt: Wenn man sich gerade ausruht, zum Beispiel zu Hause auf dem Sofa liegt, und doch Dharma praktizieren möchte, dann sollte man sich von Herzen an den guten Taten der Wesen erfreuen. Dafür sind keine großartigen Aktivitäten notwendig, und so lassen sich auf angenehme Weise die eigenen Verdienste vermehren.

Welche Kraft das Erfreuen hat, wird auch in einer Geschichte deutlich, die sich zur Lebenszeit des Buddha zutrug: Der Buddha war mit seinen Schülern bei einem König eingeladen, der ihm ein üppiges Mahl anrichten ließ. Draußen stand ein Bettler, der sich von Herzen daran erfreute, daß der König dem Buddha dieses reiche Mahl darbringen konnte. Er hegte den starken Wunsch, dem Erhabenen ebenfalls einmal ein solches Essen ausrichten zu können. Am Ende stand der Buddha auf und widmete das Mahl. Er sprach zum Erstaunen der Zuhörer das Wunschgebet: "Möge sich das Heilsame, das der Bettler durch sein Erfreuen angesammelt hat, für alle Lebewesen günstig auswirken." Der Buddha erklärte, daß der Bettler tatsächlich mehr Verdienste angesammelt hatte als der König, weil er einen reinen Geisteszustand des Erfreuens hervorgebracht hatte, frei von schlechten Gedanken. Dies sei noch verdienstvoller gewesen als die bloße Darbringung des Essens.

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